Das rätselhafte Phänomen: Warum verstärkt die Gesichtsberührung das Ohrgeräusch?
Stellen Sie sich vor: Sie greifen sich müde an die Schläfe, massieren kurz den Kiefer – und schon scheint das Pfeifen in Ihren Ohren lauter zu werden. Dieses Phänomen ist kein Zufall. Es basiert auf einer anatomischen Besonderheit: Der Nervus trigeminus, der für die Empfindung im Gesicht zuständig ist, steht in enger Verbindung mit dem auditorischen System. Laut der Hearing Health Foundation aktivieren sensorische Reize aus dem Gesicht – etwa Druck, Temperatur oder Muskelanspannung – über sogenannte somatosensorische Bahnen den Hörkortex. Bei Menschen mit chronischem Tinnitus ist diese Verbindung überempfindlich. Jede Berührung kann die ohnehin überaktiven Neuronen im auditorischen Cortex zusätzlich anheizen – und das Ohrgeräusch wird subjektiv lauter.
Die wissenschaftliche Entdeckung: Eine Studie enthüllt den Mechanismus
Eine bahnbrechende Arbeit der University of Michigan Kresge Hearing Research Institute aus dem Jahr 2021 untersuchte genau diese trigeminal-auditive Kopplung. Die Forscher zeigten, dass bei Ratten mit induziertem Tinnitus eine leichte Stimulation des Trigeminusnervs die Aktivität im Hörkortex um bis zu 40 % steigerte. Beim Menschen bestätigten funktionelle MRT-Aufnahmen: Die Aktivität im auditorischen Cortex stieg bei gleichzeitiger Gesichtsstimulation signifikant an. Die Autoren folgerten, dass eine Fehlregulation der hemmenden Neurotransmitter – vor allem von GABA – die Ursache für diese Überempfindlichkeit sein könnte.